Mercedes-Benz

Archive und Sammlung.

25. Oktober 2019

Die Schatzkammer.

Die Archive und Sammlung von Mercedes-Benz Classic unter Leitung von Alexandra Süß sind eines der größten Wirtschaftsarchive Europas. Die Chefin dieser Schatzkammer spricht über die Geschichte des Erfinders des Automobils und erläutert, wie die Vergangenheit in die digitale Zukunft transferiert wird und wie Mercedes Fans in der Mediendatenbank stöbern können.

Frau Süß, dem Thema Archiv haftet häufig ein etwas verstaubtes Image an. Warum ist für Sie die Leitung der Archive und der Sammlung von Mercedes-Benz Classic ein Traumjob?

Auf den ersten Blick vermutet man es vielleicht nicht, aber ich verantworte ein unglaublich spannendes, vielfältiges und bedeutsames Aufgabengebiet. Mein Team und ich pflegen und entwickeln das „Gedächtnis“ eines Weltkonzerns, der mit seinen Ursprungsfirmen vor über 130 Jahren das Automobil erfunden und die Entwicklung in jeder Epoche maßgeblich geprägt hat und heute den Weg in die Zukunft der Mobilität ebnet.

„Die zahlreichen Originalfahrzeuge sind Zeitzeugen unserer Geschichte.“

Alexandra Süß

Die mehr als zehn Millionen Besucher des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart beweisen das riesige Interesse am Erfinder des Automobils und seiner Geschichte. Wenn das Museum das Schaufenster ist, wie beschreiben Sie dann die Funktion der Archive?

Die Archive von Mercedes-Benz Classic sind die Grundlage und die Quelle für alles, was wir kommunizieren. Bei uns sind die authentischen Geschichten, Belege und Dokumente archiviert, die unsere einzigartige Historie ausmachen. Mit dem bei uns archivierten Wissen speisen wir nicht nur das Mercedes-Benz Museum mit Inhalten, sondern transportieren diese Botschaften auch in die ganze Welt und laden damit die Marke Mercedes-Benz auf.

Jeder Mercedes-Benz Fan beneidet Sie, weil Sie die Schlüssel zu den „heiligen Hallen“ der öffentlich nicht zugänglichen Fahrzeugsammlung besitzen. Welche Rolle spielen die Originalfahrzeuge und wie wird sich die Sammlung in Zukunft entwickeln?

Die Sammlung von Mercedes-Benz Classic bildet die Grundlage für alle automobilen Aktivitäten, die mit der einzigartigen Tradition von Mercedes-Benz verbunden sind. Die zahlreichen Originalfahrzeuge sind Zeitzeugen unserer Geschichte. Eine verbindliche Sammlungskonzeption gibt die Richtlinie für Ausbau und Erhaltung der Fahrzeugsammlung vor. So wird sichergestellt, dass auch in Zukunft alle wegweisenden Produkte der Marke mit dem Stern nach festgelegten Kriterien gesammelt und damit der Nachwelt für zukünftige Aktivitäten erhalten bleiben.

Seit August ist Alexandra Süß Leiterin der Mercedes-Benz Classic Archive und Sammlung in Fellbach. Die Diplom-Betriebswirtin arbeitet seit 1997 im Daimler-Konzern.

Dürfen Sie als Leiterin in den Fahrzeugen Probe sitzen oder gar Ausfahrten machen?

So stellt man sich das vermutlich vor (lacht) – aber das ist eher die seltene Ausnahme. Auf den Veranstaltungen besetzen wir die Fahrzeuge im Normalfall mit Journalisten, Medienvertretern und unseren Markenbotschaftern. Vorbereitet und technisch betreut werden die Fahrzeuge von den Spezialisten im Mercedes-Benz Classic Center.

Haben Sie einen Favoriten in der Sammlung?

Bei über 1.000 Fahrzeugen in der Sammlung tue ich mich schwer, einen einzelnen Favoriten zu benennen. Ganz besonders faszinieren mich die legendären Silberpfeile der 1930er- und 1950er-Jahre. Es ist beeindruckend, zu sehen, wie unsere Spezialisten mit den Originalfahrzeugen auf Veranstaltungen für Furore sorgen. Aber auch die eleganten Coupés und Cabriolets der Baureihe 111 strahlen für mich einen ganz besonderen Charme aus. Und gerade in diesem Jahr, in dem wir den 50. Geburtstag des legendären Experimentalfahrzeugs C 111 feiern, habe ich den Traumsportwagen in Orangemetallic lieb gewonnen.

Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche der über 1.000 Fahrzeuge der Sammlung im Museum oder auf Veranstaltungen gezeigt werden?

Die Dauerausstellung des Mercedes-Benz Museums umfasst rund 160 Exponate, die aus unserer Sammlung stammen. Bei der jährlich von uns erarbeiteten Themenplanung orientieren wir uns einerseits an der Neufahrzeugkommunikation und andererseits an Classic-eigenen Themen, die sich sehr oft aus Jubiläumsanlässen speisen. Im Rahmen der daraus abgeleiteten Kommunikationsmaßnahmen, zum Beispiel einer Sonderausstellung im Museum, verknüpfen wir dann die historischen Sammlungsfahrzeuge mit dem jeweiligen Neufahrzeug. So haben wir im Oktober 2019 eine Sonderausstellung zum 40. Geburtstag der G-Klasse eröffnet. Der Einsatz auf Veranstaltungen orientiert sich ebenfalls an der strategischen Themenplanung. Das Jahr 2019 steht z.B. unter dem Motto „125 Jahre Motorsport von Mercedes-Benz“. Und wir haben auf den vielen Veranstaltungen unsere einzigartige Motorsportgeschichte dynamisch und statisch erlebbar gemacht.

Mercedes-Benz Classic Archive und Sammlung.

Fahrzeugbestandrund 1.100 Fahrzeuge, davon 160 imMercedes-BenzMuseum ausgestellt
Archivumfang16,5 Regalkilometer Dokumente
Medienrund 10.000 Filmdokumente und 4,5 Millionen Fotos
DatenkartenDokumentation des Auslieferungszustands von rund 10 Millionen Fahrzeugen
Bibliothekrund 15.000 Bände, darunter Raritäten wie die „Allgemeine Automobil-Zeitung“ von 1900
Digitales Archiv

öffentliches Archiv M@rs mit über 100 Terabyte Daten

Zum Mars

Kommen wir zu den Dokumenten. Die Patentschrift des ersten Automobils von Carl Benz gehört wie beispielsweise die Magna Charta, die Gutenbergbibel oder Beethovens Noten der 9. Sinfonie zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Wie geht man mit solchen unwiederbringlichen Originalen um?

Auf das Konvolut früher Unterlagen und Dokumente von Carl Benz und deren Aufnahme in das UNESCO-Weltdokumentenerbe sind wir ganz besonders stolz. Die Originaldokumente liegen wohlbehütet in den Tresoren der Archive – für die tägliche Arbeit nutzen wir entsprechende Digitalisate bzw. Faksimiles.

Was verbirgt sich im Archiv an weiteren ähnlichen Schätzen?

Die Archive des Unternehmens bestehen offiziell seit Dezember 1936 – aber auch schon davor wurden Unterlagen und Dokumente systematisch gesichert. Über einen solchen Zeitraum sammeln sich viele Schätze an. Ein Beispiel ist sicherlich das Konvolut rund um Mercédès Jellinek – der Namenspatronin unserer Marke. Wir haben in den Archiven ihren Reisepass und ihre Geburtsurkunde sowie diverse Fotoalben aus dem Familienbesitz, die die Familie Jellinek in ganz privaten Momenten zeigen. Einen einzigartigen Schatz stellen außerdem die originalen Auftragsbücher dar, die den Auslieferungszustand fast aller jemals gebauten Personenwagen der Marken Daimler, Mercedes und Mercedes-Benz dokumentieren. Hinzu kommen die Fahrzeugdatenkarten von rund zehn Millionen Personenwagen aus dem Zeitraum von 1945 bis 1985.

Authentische Geschichten machen die Geschichte des Automobils spannend greifbar. Gibt es für Sie persönlich eine Lieblingsgeschichte?

Aus dem umfangreichen Schatz der Archive gefällt mir persönlich die Geschichte von Bertha Benz rund um die Pionierfahrt mit dem Motorwagen ihres Mannes im Jahr 1888 besonders gut. Mit großem Mut und Marketingverstand hat sie mit ihrer Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim die Tauglichkeit, Zuverlässigkeit und Zukunftsfähigkeit der Erfindung ihres Mannes bewiesen. Ohne ihr Engagement und ihre Willensstärke, ihren Mann zu unterstützen, hätte sich das Automobil in der Frühzeit vermutlich nicht so schnell gegen das Pferd durchgesetzt.

Die Patentschrift zum Motorwagen von Carl Benz aus dem Jahr 1886 ist Teil des UNESCO-Weltdokumentenerbes. Das Original wird im Archiv in Fellbach aufbewahrt. Zum Konvolut der Dokumente aus den Anfangsjahren des Automobils zählen auch die erste Fahrerlaubnis sowie Verkaufsprospekte und Preislisten.

Neben den Automobilpionieren Carl Benz, Gottlieb Daimler und Wilhelm Maybach dokumentiert das Archiv auch den Beitrag starker Frauen in der Geschichte der Daimler AG. Haben Sie als Leiterin des Konzernarchivs die weiblichen Seiten etwa mit Bertha Benz oder Mercédès Jellinek besonders im Blick?

Die Themen, die wir kommunizieren, haben immer einen relevanten Bezug zur Historie. Und dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt. Natürlich freut es mich, dass wir in unserer Geschichte auch auf die Stärke der Frau zählen konnten. So haben wir in diesem Jahr am Weltfrauentag an die legendäre Fernfahrt von Bertha Benz im Jahre 1888 erinnert.

Archivalien sichern und bewahren ist das eine, die darin enthaltenen Informationen entdecken und bei Bedarf auch wiederfinden ist das andere? Wie lösen Sie die Aufgabe der Ordnung und des Überblicks?

Das ist genau die Herausforderung unserer täglichen Arbeit. Auf der einen Seite ist es unsere Aufgabe, die Dokumente für die Nachwelt zu erhalten und zu archivieren – auf der anderen Seite benötigen wir sie für die Kommunikation unserer einzigartigen Historie. Bei der Archivierung in unseren Räumlichkeiten vermeiden wir direkten Lichteinfall, achten auf eine konstante Temperatur und Luftfeuchtigkeit und schützen unsere Anlagen bestmöglich vor Feuer- und Wasserschäden. Durch langjährige Erfahrung wissen unsere Spezialisten genau, wo sie welche Archivalien finden. Die digitalen Systeme mit ihren Findmitteln – in erster Linie unser mehrere Terabyte umfassendes Archiv- und Recherchesystem M@RS – unterstützen sie zusätzlich bei der Recherche.

Sind heute noch Überraschungsfunde im Archivbestand möglich?

Ja, so etwas gibt es tatsächlich noch, auch wenn die Zufallsfunde weniger werden, da wir die Archive bereits heute sehr gut erschlossen und verzeichnet haben. Eine Geschichte, die mir mein Team beim Amtsantritt erzählt hat, finde ich aber besonders spannend: So konnte erst im Rahmen der Jubiläumskommunikation im Jahr 2012 zweifelsfrei geklärt werden, wofür beim Sportwagen des Jahrhunderts „SL“ steht. Bei der Recherche nach etwas völlig anderem ist einem meiner Kollegen überraschend eine alte originale Pressemitteilung zur Präsentation des allersten SL im März 1952 in die Hände gefallen. Das Dokument war übrigens nicht im SL-Bestand abgeheftet, sondern wurde nur aufgehoben, weil jemand es wiederverwendet und auf die freie Rückseite einen Presseausschnitt geklebt hatte. Mit diesem Fund ließ sich das Rätsel einwandfrei lösen und eine jahrzehntelange Diskussion beenden: „SL“ steht für „Super Leicht“.

„Mit unserem Multimedia-Archiv-Recherche-System M@RS gewähren wir Einblick in unser ‚Gedächtnis‘ und stellen der Öffentlichkeit umfangreiche Informationen aus unserer einzigartigen Marken-, Unternehmens- und Technologiegeschichte als digitale Datenbank zur Verfügung.“

Alexandra Süß

Welche Herausforderungen sind mit der langfristigen Archivierung digitaler Daten verbunden?

Bei der Archivierung von Filmen, Bildern und Dokumenten arbeiten wir eng mit externen Spezialisten zusammen. Eine der größten Herausforderungen in diesem Zusammenhang ist es, den Zugriff und die Lesbarkeit der Archivalien für einen möglichst langen Zeitraum zu gewährleisten. Dazu arbeiten wir neben der herkömmlichen Digitalisierung auch mit der Verfilmung wichtiger Archivbestände, die dann in speziellen Salzstollen für die Ewigkeit eingelagert werden.

Apropos Digitalisierung: Welche alten Unterlagen stellt Mercedes-Benz für Fans der Marke im Web zur Verfügung?

Mit unserem Multimedia-Archiv-Recherche-System M@RS gewähren wir Einblick in unser „Gedächtnis“ und stellen umfangreiche Informationen aus unserer einzigartigen Marken-, Unternehmens- und Technologiegeschichte der Öffentlichkeit als digitale Datenbank zur Verfügung. M@RS ist das weltweit größte Archiv eines Automobilherstellers und als Wissensspeicher in seiner öffentlich zugänglichen Form einzigartig.

Und wie regeln Sie die Möglichkeiten einer Recherche vor Ort?

Obwohl wir ein Privatarchiv sind, bieten wir grundsätzlich jedem, der ein berechtigtes Interesse hat, die Möglichkeit, bei uns vor Ort zu recherchieren. Wir haben regelmäßig interne Kolleginnen und Kollegen zu Recherchearbeiten bei uns. Aber auch Journalisten, Medienvertretern, Studenten, Wissenschaftlern und sonstigen Interessierten bieten wir Arbeitsplätze zur eigenständigen Recherche an. Dabei wird das Thema vorab angemeldet, damit unsere Fachexperten die Anfrage prüfen und dann die relevanten Unterlagen bereitstellen können.

Geschichten aus der Geschichte erzählen.

Fotos: © Daimler AG, © Thorsten Scherz